Mittwoch, 3. September 2014

"Der Tag, an dem ich fliegen lernte" von Stefanie Kremser | Rezension

"Und ich lernte, dass die Liebe, ganz wie der Sinn des Lebens, ein ebenso ernstes und schmerzvolles Thema war wie Verlassenheit, ja, dass man lieben konnte, obwohl man verlassen worden war - und verlassen konnte, obwohl man liebte." -S.30

Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 304 Seiten 
ISBN: 978-3-462-04705-9 
19,99 [D] | 20,60 [A] | CHF 28,00
Verlag: KiWi

Die Geschichte beginnt turbulent. Gerade erst geboren, wird Louisa auch schon von ihrer Mutter Aza aus dem Fenster, des Krankenhauses geworfen. Zum Glück fällt sie in die starken Arme von Fergus, ein Engländer, der von diesem Moment an immer einen Platz in ihrem Leben haben wird. Aza ist von diesem Moment an nicht ehr aufzufinden und Louisas Vater Paul bleibt alleine zurück. Wären nicht auch noch Max und Irene, die die verrückte Studenten WG komplettieren in der Paul noch wohnt. Für Louisa beginnt eine verrückte Zeit: Wie viele Kinder können schon behaupten in einer WG groß zu werden?
Als Louisa älter wird, beginnt sie sich zu fragen warum sie keine Mutter hat, wie alle anderen Kinder. Sie fragt sich wo ihre Mutter ist, was damals wirklich geschehen ist und was der Begriff Heimat wirklich bedeutet. 



Wir erleben von der ersten Seite an hautnah aus Louisas Sicht, wie sich ihr Leben verändert. Der Leser darf im Roman die ersten sieben Jahre aus Louisas Leben miterleben und die total verrückte, aber sympathische WG in sein Herz schließen. Denn das habe ich sofort gemacht! Die Mitbewohner sind alle ganz eigene und spezielle Charaktere, die viel erleben und sich gegenseitig stützen. Ich habe mich richtig wohlgefühlt in ihrem WG-Leben und war traurig, dass dieses nach ca. 100 Seiten schon sein Ende gefunden hat.
Der zweite Teil des Romans führte nämlich in die Vergangenheit. Genauer gesagt 100 Jahre zurück, in das Jahr 1893. Um wichtigen Fragen, rund um Aza, auf den Grund zu gehen, wird sehr tief in der Vergangenheit eines kleinen bayrischen Dorfes gewühlt. Mit dieser Perspektive konnte ich persönlich leider gar nichts anfangen. Mir gefiel der Bruch, vom chaotischen WG-Leben der 90er Jahre, hin zu dörflichen Problemen aus dem tiefsten Bayern, überhaupt nicht. Ich verstand nicht so recht was das nun soll und warum das für die Geschichte von Belang ist. Auch die vielen neuen Protagonisten, die man mit den nächsten 100 Seiten verbracht hat, waren einfach zu verwirrend. Vom Inhalt her, ist es für die weitere Geschichte gut zu wissen, was im Jahr 1893 passierte, aber das hätte man auch wesentlich kürzer regeln können. Zwei Kapitel hätten es für mich auch getan.
Der dritte Teil führt den Leser wieder in die Gegenwart. Louisa ist mittlerweile sieben Jahre alt, und gibt sich nicht mehr mit vagen Antworten auf ihre Fragen zufrieden. Auch Paul will mehr über damals in Erfahrung bringen: Was hat Aza nur dazu gebracht ihr eigenes Kind aus dem Fenster zu werfen? Damit beginnt für die beiden eine Reise in ein anderes Land. Ein Land mit dem Louisa so viel verbindet, und worüber sie jedoch nur so wenig weiß. Dieser Teil gefiel mir wieder besser, weil ich wieder alles aus Louisas Sicht erleben konnte. Ihre Gefühle und Gedanken, die so viel erwachsener wirken, als die eines sieben jährigen Mädchens.


Der Schreibstil ist wirklich etwas ganz besonderes. Von der ersten Seite an erleben wir das ganze Geschehen mit Louisa mit. Sie berichtet von ihrer Umgebung so, wie es kein Säugling zu erzählen vermag und trotzdem war ich von der ersten Seite gefangen in ihren Erzählungen. Poetisch und persönlich. Ehrlich und emotional. Dieses kleine wissbegierige Mädchen konnte sich sofort in mein Herz erzählen.
Aus diesem Grund fand ich es schade, dass im zweiten Teil dieser starke Bruch in die Vergangenheit kam. Es wird von verschiedenen Dorfbewohnern gesprochen, zu denen ich keinen wirklichen Bezug aufbauen konnte. Erst zum Ende des zweiten Teils konnte ich nachvollziehen, wofür dieser Teil gedacht war. Dennoch bin ich der Meinung, dass es hätte schneller auf den Punkt gebracht werden können.
Der letzte Teil und das Ende haben vieles offen gelassen, aber auch einiges ans Licht gebracht. Ich habe das Buch mit gemischten Gefühlen zugeklappt. Zum einen war das Ende so wie ich es erwartet oder gewünscht habe, aber zum anderen hat es Dinge aufgeworfen, die mir nicht gefielen.

„Der Tag, an dem ich fliegen lernte“ lässt einen garantiert nicht emotionslos zurück. Ein Roman voll Gefühl und schöner Momente, aber auch mit der harten Wahrheit des richtigen Lebens. 

1 Kommentar:

  1. Deine Rezension gefällt mir.
    Ich fand es bezaubernd geschrieben.
    Und manch einer liest es nicht ganz so kritisch,
    nimmt es als Zeitvertreib ;-)

    Liebe Grüße Andrea

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